Deutschland - Papierkramland

 

Letzte Woche habe ich einen Sanitär- und Elektrobetrieb besucht. Einen Handwerksbetrieb also, den ich früher als Klempnerei bezeichnet hätte. Ehrlich gesagt: Ich war schwer beeindruckt von der Vielfalt der Fähigkeiten und Fertigkeiten, die heutzutage in so einem Betrieb verlangt werden. Vielfalt, die sich auch in der Qualifikation der vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter widerspiegelt. Und darin steckt offenbar die größte Herausforderung, der sich dieser Betrieb in unserer Zeit ausgesetzt sieht: der Fachkräftemangel. In diesem Unternehmen sind 15 von 50 Stellen nicht besetzt. Und das ist kein Einzelfall in unserem Land, erfuhr ich. Die zweite Herausforderung, von der ersten nicht ganz unabhängig zu sehen, steckt im Papierkram, insbesondere bei öffentlichen Ausschreibungen. Die Standards, die wir setzen beim Mindestlohn, bei energetischen Anforderungen, bei der Arbeitssicherheit, beim Verzicht auf Waren aus Kinderarbeit usw. – all das sind Regeln, die das Handwerk in Schleswig-Holstein nicht in Frage stellt. Aber der Aufwand, der betrieben werden muss, um diese Standards nachzuweisen, ist zu hoch. Unsere Aufgabe muss es sein, die gute Arbeit und das Engagement der kleinen Unternehmen zu unterstützen. Es geht darum, diejenigen, die Arbeit auch für Zugereiste schaffen, so zu stärken, dass sie die sinnvollen Regeln als unterstützend empfinden und nicht als belastend. Der Aufwand muss minimiert werden ohne Standards zu senken. Dass dies manchmal leichter gesagt ist als getan, weiß ich als Verwaltungsbeamtin.

Unser Rechtsstaat und unsere Regelungen sind richtig und werden weltweit bewundert und anerkannt. Trotzdem hat ein Geflüchteter, den ich auf der Flüchtlingskonferenz am 9.11. kennenlernte und der vielleicht auf eine der freien Stellen passen würde, an diesem Tag mit seiner Aussage ins Schwarze getroffen, wenn er sagt: „Deutschland ist ein Papierkramland.“ Recht hat er und das hat eben Vor- und Nachteile.

Herzlichst Ihre Eka von Kalben

 

Abgeordnetenwort Eka von Kalben, erschienen in den Uetenser Nachrichten am 10.12.2016

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